23.Nürnberger Poetry Slam – ein Review

23. Nürnberger Poetry Slam

20.03.2008

„Ein Abend voller Weltpremieren“

Vorbemerkung:

Der Abend fing für mich bereits um 18.30 Uhr an. Da erhielt ich eine SMS von Michl mit einem Alarmruf: „Pack mal vorsichtshalber zwei Texte ein – wenn du magst! Gruß Michl“.

Na toll, dachte ich mir, als ich die SMS um kurz nach 19 Uhr las. Am Tag zuvor in Forchheim bin ich gerade noch um einen Auftritt herumgekommen, da im JTF kein internetfähiger PC vorhanden war, um zwei Texte von lars.blog.de herunterzuladen.

So musste man ein Konzept basteln, welches Michl in seinem kurzen Review zum Forchheimer Slam wieder gegeben hat. Noch mal gut gegangen, auch wenn ich mich dann schon ein wenig geärgert hatte. Warum nicht, wäre es eben in Forchheim gewesen, wenn auch unvorbereitet, da ich erst auf der Hinfahrt gefragt wurde, ob ich nicht zwei Texte dabei hätte.

Seit Monaten denke ich ehrlich gesagt drüber nach, es existieren auch bereits Slam-Texte, aber eigentlich wollte ich erst in der neuen Saison los starten. Den 1.Slam hatte ich mir auch schon ausgemalt, so mit Eingangsworten und einen dazu passenden Text, der seit Wochen zu 98% fertig ist.

Aber egal, warum nicht mal spontan sein. Die beiden Texte von lars.blog.de heruntergeladen – Valentins Hüpfburgtext und den ersten geordneten Text (Sätze von A bis Z) „Lebenswege“ – eingepackt und dann ab ins K4.

Dort angekommen hatte sich die Notlage etwas entschlimmert und so war mein Einsatz nicht unbedingt notwendig, da man 7 sicher startende Poeten hatte. Aber Michl fragte mich, ob ich dennoch im Hut sein wollte, und da mich „tausend fordernde Augen“ förmlich drum baten, habe ich zugestimmt.

Heute sollte es also passieren, mein erster aktiver Slam. Und dann ohne den eigentlichen ersten Text und ohne große Vorbereitung. Hatte den Valentintext noch mal schnell auf dem Hinweg gelesen, um den zweiten Text machte ich mir gar keine Gedanken. Da werden schon mind. zwei Poeten besser bewertet werden, da machte ich mir keine Gedanken.

So saß ich nun im Publikum und wartet auf meinen Namen, als der Abend begann. Aber die Poetenfee Eva meinte es „besonders gut“ mit mir. Die Namen und Namen wurden gezogen, und mein Name wollte nicht genannt werden. Die Zeit verging und die Anzahl der Namen im Hut wurde kleiner. Das was sich bestimmt jeder Poet wünscht, so spät wie möglich gezogen zu werden – um die Stimmung im Publikum besser einschätzen zu können und die Jury ein wenig zu beobachten – wurde mir im Maximalausmaß gegönnt. Mein Name wurde nicht mehr gezogen, denn er war der letzte Namen im Hut, nachdem ich sieben mal kurz gezuckt habe, wenn Michl sagte „Ein Neuling, ein Rookie bzw. der nächste Poet heißt …“, aber mein Name war nicht dabei.

Bis zum Schluss …

fp: Der featured artist war mit Harry Kienzle ein weiterer Finalist des letztjährigen SLAMs in Berlin. Harry hatte zunächst einen harryuntypischen Text dabei. Ein Kurztext mit dem Titel „Konsumterror“. Er beschrieb wie man ihm am Handy Rechtsanwälte aufschwätzen wollte, wie er im Fernsehprogramm rumzapped. Dabei blieb er kurz bei einer interaktiven Quizshow hängen, die dauernd „ruft an Leute … ruft an … warum ruft denn keiner an“ in die angeschlossenen Wohnzimmertelevisionsapparate sendete. Und Harry wusste genau warum. Warum er dann ein Messer kaufen sollte, welches „schneiden kann“, wusste er dann nicht mehr so genau. Als er seine aufkommende Gesellschaftswut im nah gelegenen Supermarkt freien Lauf lassen wollte, indem er zum Beispiel die Tomaten ohne sie gewiegt zu haben aufs Band gelegt hatte, findet er u.a. eine Biozahnpasta und kauft Dinge, der er eigentlich gar nicht braucht. So geschockt lässt er sich sogar von einer unmotivierten Kassiererin zum Tomatenwiegen schicken und antwortet auf die Frage, ob er einen schönen Einkauf hatte mit einem „Hmmjaa“.

Der zweite Text war wieder „mehr“ Harry. Eine Abwandlung von „I have a dream“. Er hätte gerne ein Welt ohne Brillen (Harry ist, wer es nicht weiß, Brillenträger) – außer der rosaroten Brille. Eine Welt ohne Geld –weil er eh schon alles hat. Er möchte gern überall Muskeln haben und tanzen können. So gut, das ein gewisser Michael J. im Moonwalk davon schreitet.

1.Runde:

1) Julia: Julia grüßte erstmal ihre im Publikum sitzende Mutter und hatte auch gleich eine Erklärung parat, warum ihr erstes Gedicht eine Abwandlung des Abendgebetes aus der Oper Hänsel und Gretel sei. Ihre Mutter hatte sie in ihrer Kindheit nämlich immer mit den Abendgebeten genervt, manchmal sang sie es sogar. Da man ihre Mutter sehen konnte, wollte man sich nicht so recht vorstellen, dass es allzu schlimm gewesen sein muss. Eine putzige kleine alte Dame saß in der ersten Reihe und errötete leicht, als Julia ihr das erste Gedicht widmete. Ein wirklich süßer Anblick. Ach ja .. Julia ist selber Mutter von vier Kindern und in einem gewissen Alter, wie sie selbst sagte. Danach folgten mehrere kleinere Gedichte. „Der Reflex“ handelte von einer Begegnung mit nervenden Kindern in einem Zug, das „K-Gedicht“ entstammt ihrem Tierzyklus genauso wie „alter Freund“. Hier ist die Hauptperson ein Schaaf, dass es nicht „schaaft“ zu fliehen, obwohl es weiß, das morgen die Schlachtbank grüßt. Aber Tom ist zu dick und zu unflexibel. Und außerdem möchte er den Kontakt mit Paris Hilton vermeiden, die eine Fluchtmöglichkeit darstellte. Julia bekam 13 Punkte, eindeutig zu wenig, aber was soll man machen. „the points are not the point“

2) Wolfgang: Wolfgang hatte mich bereits in Forchheim erstaunen lassen. Seine Art und Weise auf der Bühne ist wohl einzig und artig, und teilweise urkomisch. Was dann nicht immer an den Texten liegen muss. Ihn muss man gesehen haben, um es zu verstehen. In Forchheim berichtet er noch von seiner Schildkröte Heinz, in Nürnberg war dann Ostern und die US Vorwahlen sein Thema. Ein kleiner Auszug aus „Zwei – da ist was im Busch“ – wobei in seinem Text bestimmt „Bush“ steht. „Mannmannmannmann – Fraufraufraufrau“ oder „Mann macht Frau Hof – Frau findet das gut“ oder „Sie hihihi – er hohohoho“ oder „wo samma – da samma“. Und so ging es hin und her. Dann das Highlight des Abends. Sein Ostergedicht. Oder wie er es auch nannte „Stern“ oder wie es Amerikaner sagen würden „oh stern“. Er spielte wie wild mit den Wörtern rund um O und Stern und den Osterbegriffen. Sehr schön „normalerweise hat man 7 Wünsche – nein, Ostern acht“. Also Osternacht, was Wolfgang dann auch immer wieder erläuterte. Seine Wortspiele brachten ihm 21 Punkte.

3) Kilian: Kilian war zwar noch nicht so häufig auf der Nbg. Slambühne, dafür aber recht erfolgreich. Er stellte dem Publikum mehrere Texte zur Auswahl, und wie meist, gewann die pure Lust. Ein sexistischer Text über seine Traumfrau. Sie muss eine Sau sein und er will sie spüren und packen. Das übliche Spiel eben. Außerdem kannte man den Text schon, dennoch ist er gut und behält seine Wirkung. Den Anfang machte Kilian aber mit einem Kurzgedicht aus einer Praktikazeit. Er arbeitet in einem Fahrradfachgeschäft und ein gewisser Meinrad (so hieß der wirklich) wollte bei ihm ein Rad kaufen. „Meinrad nimm kein Einrad“. Die Jury zog 24 Punkte.

4) Schlumpf: Der Meister der ernsten Lyrik hatte eine Textpremiere dabei. Wieder mal ein sehr nachdenklicher Text, ich taufe diese Gattung mal „Prostituiertenpoesie“. Es ging um eine Prostituierten, die sich hinter komischen Namen und hinter Worten versteckt. „Erst gibt man ihen Zucker, aber dann … aber das kennt sie schon.“ Ein anderes Thema als sonst „üblich“ auf Slams – außer wenn Schlumpf dabei ist – und seine Stimme brachten das Publikum zum konzentrierten zuhören. Gespannte Blicke sah man im halbdunkel. Schlumpf erhielt ebenfalls 24 Punkte.

5) Matthias: Matthias auf Heimaturlaub hatte einen Text zum Thema „Biowahn“ dabei. Gutes Thema, gute Ideen aber etwas zu „faul“ vorgetragen. Keine Ahnung wie ich das sonst beschreiben sollte. Der sonst übliche Istel-Style war nicht mit nach Nürnberg gekommen, schade. Matthias regte sich über den Biowahnsinn auf. Seit einigen Jahren ist alles nur noch Bio. Ökos sind nun hip und er muss sich sagen lassen „weißt du eigentlich, was du deinem Körper damit antust“ – angesprochen auf seinen Lebensmittelkonsum. Und wozu gibt es Biokatzenstreu und woraus wird es hergestellt? Keine Ahnung, aber die Jury gab 22 Punkte. Ob sie es wussten?

6) Stella: Stella hatte als einzige Starterin ein Gedicht in reiner Reimform dabei. „Der alte Affe Ernst“. „Jeder sei nur – dem eigenen Vorteil auf der Spur“ so das Credo. Ein wenig Datensicherheitswahn war auch vertreten. Sehr schön vorgetragen, wenn auch etwas zaghaft, aber es war auch ihr erster Slamauftritt. Die Reime flutschen zwar nicht gerade wie bei Schiller und Goethe, aber dennoch sehr schön. Es gab 19 Punkte.

Pause

fp: Harry hatte nach der Pause ein Problem. Er hat Angst. Angst vor Telefonaten mit anderen Leuten. Angst davor, dass uns die Regierungen uns wirklich regieren und nicht irgendwelche Außerirdischen. Er hat Angst davor Frauen anzusprechen. Und davor, dass sie ihn erst gar nicht wahrnehmen. Er hat Angst vor perfekten Sex, denn danach ist alles nur noch „gut“. Und vor allem hat er Angst vor Angst. Aber ihm ist das egal, denn er liebt seine Angst. Er kann so beispielsweise die Nacht durchmachen ohne Angst vor dem Morgen, weil es könnte ja auch niemals einen weiteren Morgen geben. Als Abschluss hatte er noch einen Entspannungstext und verabschiedete sich unter großen Applaus vom Nürnberger Publikum.

2.Runde:

7) Martin: Martin berichtete im „Martin-Style“ von einer Kellerparty. Also Martins Stimme und ein Hörbuch, das wärs. Er erzählt nun von dieser Feier aus der Sicht eines Jungen, der Simone schon länger liebt, es ihr aber nicht erzählt. Und nun will Simone ihm was ganz wichtiges erzählen. Er ist ganz hin und weg und ist so in seinen Träumereien vertieft, dass er gar nicht mitbekommt, was sie ihm erzählt. So nach und nach bekommt er es mit, sie hat seit gestern einen neuen Freund, und der sei so toll. Er macht Frühstück. Er schreibt Liebesbriefe. Er spielt Klavier. Nach und nach verringert sich sein Selbstbewusstsein, und es verschwindet gänzlich, als sie ihm sagt „er sei der tollste Freund den sie hat“. So nett. Tolle Idee, aber nur 20 Punkte.

8) Tobias: Wie schon erwähnt, kam ich als letzter Name aus dem Hut. Ich erzählte kurz davon, dass ich erst seit 2 Stunden davon weiß, dass es mich ggf. zum ersten Mal auf einer Slambühne geben wird, daher auch nur zwei Texte aus meinem Blog. Kurz erwähnt, dass der erste Text aus einem schreib:zwang entstanden ist. Und das es sich bei Valentin um unser Haustier handelt.

Ich hatte mir fest vorgenommen, einfach nur den Text mit ein wenig Leben zu füllen, und nicht in Gedanken den Text an einigen Stellen umzubauen und dann spontan den Text zu verändern. Das mache ich nämlich gerne bei eigenen Texte, wenn ich sie nach langer Zeit mal wieder lese. Aber genau das ist an einigen Stellen eingetreten. Aber was soll´s, hat ja eh keiner mitbekommen. Die Zeit verging und auf einmal hörte ich eine langsam lauter werdende Musik, war ich echt schon bei sieben Minuten angekommen? Tatsächlich, kam mir viel kürzer vor. Schnell noch zwei Absätze übersprungen und zum Ende gekommen. Ein schöner Applaus am Ende, wobei am Anfang die „Nichtwissenden-mich-kennenden“ etwas überrascht waren, als mein Name aufgerufen wurde, und dann gar nicht mehr aufhören wollten, zu klatschen. Nicht unzufrieden ging ich von der Bühne und erwartete die Wertung. Es gab 19 Punkte. Vollkommen ok und „the points are not the point“.

Im Finale waren also nun Schlumpf und Kilian.

Vorher gab es aber noch die Nürnberg-Premiere der tExtremisten mit dem „aktuellen Mordstudio“. Ein toller Vortrag und prima Performance. Ich möchte den Nichtanwesenden nicht den Spaß nehmen, diesen Text beim nächsten Auftritt der beiden (Michl und Peter) anzuhören, daher nur kurz: Beide schalten von einer Ecke der Welt in die andere und blicken auf die Gesellschaft. In ihrer eigenen Auffassung. Echt klasse.

Finale:

Kilian: Kilian bringt seine Lebensmittel-Lyrik. Ein Burger, wie er sein sollte. Leichte Anlehnung an Lars Ruppels „Bread Pitt“, was auch in einer Textstelle angedeutet wird. Wobei der Text wohl etwas älter ist als „das Brot“. Ein bekannter Text, mit dem Kilian schon mal in Nürnberg gewann.

Schlumpf: Auch Schlumpf holte einen alten aber guten Text hervor. Die verwirrenden Gedanken des Nachbarn. Und Schlumpf braucht auch diesmal wieder Zucker, was er dann von der alten Dame aber nicht bekommt.

Nach zweimaliger Abstimmung und Tendenzbefragung der Jury stand der Sieger fest: Kilian!

Fazit:

Ein schöner und unterschiedlicher Slamabend ging zu Ende. Es gab mehrere Weltpremieren. Neben meinem eigenen Slamdebüt, standen Stella und Julia ebenfalls zum ersten Mal auf der Slambühne. Schlumpf hatte eine Textpremiere dabei. Und Kilian gewann mit denselben Texten den Slam wie ein Jahr zuvor. Wohl auch eine Weltpremiere. Die tExtremisten sind nun auch in Nürnberg angekommen und am Ende trank ich sogar drei Wodkabecherchen.

Obwohl ich Wodka nicht ausstehen kann. Ein denkwürdiger Abend.

Tobias für lars.blog.de

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